24. April 2005

Ursula bin ich während eines Urlaubs in den Bergen begegnet – auf meinem Fahrrad, in meiner Montur, in meinem Tempo in den Ort schießend, verschwitzt und durch das Fahren in waldigen Serpentinen mit dem Gefühl von Broccoli im Kopf. Ich sah sie mit ihrer zierlichen Figur, den kurvigen Hüften im weißen Dienstkittel in großen Schaufenstern stehen und hielt sofort an, scheinbar um etwas zu trinken, und ging in die Bäckerei. Sie hatte meine Totalbremsung wie elektrisiert beobachtet, da war ich sicher. Trotzdem schaute sie beim Klingeln der Tür weg, um mit ihrer Kollegin zu reden. Ich wartete, bis sie mich bedienen musste, und verwickelte sie in ein Gespräch: Was für ein schöner Tag es sei? Ob sie aus Garmisch käme? Was man da machen könnte? Sie war dort in Ausbildung. Ihre Augen funkelten, ihre kleinen schlanken Hände versteckte sie unter der Ladentheke. Wir verabredeten uns, dank einer Ausrede erhielt sie einen freien Tag, es ging sehr schnell mit uns, ich habe sie schlielich in den Norden geholt. Das war unser Mythos, wie wir ihn erzählten.

Erst waren wir im siebten Himmel, sie war begeistert – von mir natürlich, wie ich sie beim Sex durch die Wohnung tragen konnte, und von meiner Heimat. Sie nannte sie aufgeräumt, bewunderte bei unseren Spaziergängen, die wir Hand-in-Hand auf den Deichen machten: Den Ausblick über die Marschen, die Ahnung vom Meer am Horizont und die Tage nach Regenschauern, die auf einmal kamen und gingen. Der Niederschlag verwandelte die Luft in einen Kristall, fest, zusammengezogen und die Welt verschwamm nicht mehr an diesigen Rändern. Sie wurde unendlich. Nach einem Schauer war Detern wie eine riesige Bühne, dann schauten sich die Menschen genau an und redeten über ihre Beobachtungen.

Genau das mochte die kleine Ursula nicht, sie nannte es tratschen. Sie hatte stets Geheimnisse, die sie mit grünen Fensterläden abschatten wollte. Etwa ihr Verhältnis zu dem übergriffigen Bäcker, bei dem sie die Lehre gemacht hatte, bevor sie mit mir kam, erklärte sie mir nicht. Da lächelte sie stur.

Folgerichtig hasste sie meine Kamera, mit der ich jederzeit Dinge festhielt, damit sie hinterher nicht sagen konnte, so war es nicht. Sie fand das grässlich, schlimmer noch als meine Alarmanlage. Doch genau darin bestand meine Professionalität, mein System, mit dem ich mir anvertraute Menschen voran brachte. Mach’ dich ehrlich – ist ein weiteres Mantra von mir. Ich habe da meine Methoden als trainingsbegleitender Sportarzt.-

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